Was die Hitzewelle über unser Stromnetz verrät
40 Grad, Sonne satt – und Strompreise unter null. Was auf den ersten Blick nicht zusammenpasst, zeigt ziemlich deutlich, vor welcher Herausforderung unser Energiesystem mittlerweile steht.
Der Sommer 2026 hat Österreich bereits einige außergewöhnliche Wetterereignisse beschert. Besonders die zweite Junihälfte und Anfang August hatten es in sich: Zwei rund zweiwöchige Hitzewellen brachte Temperaturen bis 40 Grad. In Bad Deutsch-Altenburg wurden am 5. August sogar 41,2 Grad Celsius gemessen – mehr als beim bisherigen Jahresrekord aus dem August 2013.
Doch viele sonnige Tage bedeuten nicht nur hohe Temperaturen. Sie bedeuten auch: viel Solarstrom. Und genau hier wird es für unser Stromnetz interessant.
Wenn plötzlich alle gleichzeitig Strom produzieren
Der Ausbau der Photovoltaik schreitet in Österreich schnell voran. Das ist grundsätzlich eine sehr positive Entwicklung: Wir produzieren mehr erneuerbaren Strom direkt vor Ort und reduzieren damit unsere Abhängigkeit von fossilen Energieträgern. Die Herausforderung liegt allerdings in der Gleichzeitigkeit.
An einem sonnigen Tag produzieren tausende PV-Anlagen zur selben Zeit besonders viel Energie. Typischerweise erreicht die PV-Produktion rund um die Mittagsstunden ihren Höhepunkt. Der Stromverbrauch steigt aber nicht automatisch im selben Ausmaß mit.
Das Ergebnis: Es ist zeitweise mehr Strom vorhanden, als gerade benötigt wird.
Dieser Effekt lässt sich inzwischen sehr deutlich an den Strombörsen beobachten. Je größer das Angebot bei gleichzeitig geringer Nachfrage ist, desto weiter fällt der Börsenstrompreis. Im Extremfall fällt er unter null. Dann entsteht die zunächst etwas absurd klingende Situation, dass Stromproduzenten dafür bezahlen müssen, ihren Strom am Markt loszuwerden.
Negative Strompreise sind längst keine Ausnahme mehr
2026 zeigt besonders deutlich, wie relevant dieses Thema geworden ist. Nach aktuellen Marktdaten gab es im österreichischen Marktgebiet in diesem Jahr bislang bereits rund 260 Stunden mit negativen Strompreisen. Da der Strommarkt inzwischen in Viertelstunden handelt, entspricht das rund 1.000 einzelnen negativen Viertelstunden.
Allein im Mai wurden in Österreich 65,5 Stunden mit negativen Preisen registriert.
Besonders eindrucksvoll war der 1. Mai 2026. Der Feiertag brachte eine Kombination aus niedriger Nachfrage und sehr hoher Solarstromproduktion. Der österreichische Spotpreis fiel in einer Viertelstunde auf -498,65 Euro/MWh – praktisch bis an die damals geltende technische Preisuntergrenze. Netzbetreiber mussten zeitweise auch Solaranlagen abregeln.
Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2025 verzeichnete E-Control in Österreich 378 Stunden mit negativen Preisen. Als wesentliche Ursache nennt die Regulierungsbehörde Überschüsse aus erneuerbarer Erzeugung, insbesondere aus Photovoltaik.
Das Problem ist also nicht, dass wir zu viel erneuerbare Energie haben.
Das Problem ist, dass wir sie nicht immer dann verbrauchen, wenn wir sie produzieren.
Niedrige Preise sind gut – fehlende Flexibilität nicht
Für Konsumentinnen und Konsumenten mit dynamischen Stromtarifen können solche Situationen äußerst attraktiv sein. Wer seinen Stromverbrauch gezielt in günstige Stunden verschieben kann, profitiert unmittelbar von niedrigen oder sogar negativen Börsenpreisen. Elektroautos laden, Batteriespeicher füllen, Wärmepumpen betreiben oder energieintensive Prozesse starten – idealerweise passiert all das genau dann, wenn viel günstige erneuerbare Energie verfügbar ist.
Genau dieses Verhalten braucht auch unser Stromsystem. Denn negative Strompreise sind zunächst ein Preissignal des Marktes: Es gibt gerade sehr viel Strom und zu wenig Nachfrage. Sie sollen einen Anreiz schaffen, Erzeugung zu reduzieren oder zusätzlichen Verbrauch in diese Zeit zu verschieben.
Die Herausforderung für die Netze entsteht durch die starken zeitlichen Ungleichgewichte. Wenn sehr viele PV-Anlagen gleichzeitig einspeisen, können lokale Netze stark belastet werden. Fehlt die entsprechende Flexibilität, müssen andere Erzeugungsanlagen ihre Produktion reduzieren oder erneuerbare Anlagen abgeregelt werden.
Die E-Control reagiert 2026 sogar mit einem eigenen Preissignal darauf: Mit dem neuen Sommer-Nieder-Arbeitspreis (SNAP) ist das arbeitspreisbezogene Netzentgelt für Haushalte und kleine Gewerbebetriebe auf Netzebene 7 zwischen 10 und 16 Uhr um 20 Prozent reduziert. Das Ziel ist ausdrücklich, mehr Verbrauch in jene Stunden zu verschieben, in denen besonders viel Sonnenstrom vorhanden ist – und damit gleichzeitig die Stromnetze zu entlasten.
Unser Energiesystem muss flexibler werden.
Die Richtung ist klar:
Nicht weniger produzieren. Sondern intelligenter verbrauchen.
Genau hier setzen intelligente Energiemanagementsysteme an. Denn in einem modernen Energiesystem reicht es nicht mehr, PV-Anlage, Batteriespeicher, Ladeinfrastruktur und Verbraucher unabhängig voneinander zu betreiben. Sie müssen miteinander kommunizieren.
Und sie müssen auf äußere Signale reagieren können: Wie viel PV-Strom produzieren wir gerade? Wie hoch ist der aktuelle Stromverbrauch? Wie voll ist der Batteriespeicher? Wann müssen Fahrzeuge geladen sein? Wie hoch ist der Strompreis? Und wie viel Leistung steht am Netzanschluss zur Verfügung? Aus vielen einzelnen Komponenten wird dadurch ein steuerbares Energiesystem.
Charly® bringt Produktion und Verbrauch zusammen
Genau dafür haben wir bei kW-Solutions den intelligenten Energiemanager Charly® entwickelt. Er verbindet unterschiedliche Komponenten eines Energiesystems und koordiniert sie automatisiert. In unseren Anwendungen werden beispielsweise PV und Batteriespeicher mit Ladeinfrastruktur, dynamischem Lastmanagement und strommarktpreisoptimierter Steuerung zusammengeführt.
Die Idee dahinter ist einfach:
Energie dann nutzen, wenn sie verfügbar und günstig ist – und Lasten reduzieren oder verschieben, wenn Energie knapp und teuer ist.
Fazit
Die Energiewende braucht nicht nur mehr Erzeugung – sondern mehr Intelligenz
Die Hitzewelle und die vielen Stunden mit negativen Strompreisen zeigen sehr anschaulich, wohin sich unser Energiesystem entwickelt. Wir werden in Zukunft immer häufiger Phasen erleben, in denen enorme Mengen erneuerbarer Energie zur Verfügung stehen. Gleichzeitig wird es Stunden geben, in denen PV kaum produziert und Strom deutlich teurer ist.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr nur:
Wie können wir möglichst viel erneuerbaren Strom produzieren?
Sondern zunehmend:
Wie schaffen wir es, Produktion und Verbrauch intelligent miteinander zu synchronisieren?
Batteriespeicher, flexible Verbraucher, Elektromobilität und intelligente Energiemanagementsysteme werden dabei eine zentrale Rolle spielen. Denn die günstigste Kilowattstunde ist oft jene, die genau zum richtigen Zeitpunkt genutzt wird. Und ein Stromnetz, in dem Erzeugung und Verbrauch intelligent zusammenspielen, ist nicht nur wirtschaftlicher.
Es ist auch bereit für eine Energiezukunft, in der erneuerbarer Strom zur neuen Normalität wird.